Elisabeth Voß

Dipl. Betriebswirtin (FH) und Publizistin, Berlin

Attac

März 2021: Warum ich nicht mehr für den Rat kandidieren möchte.

Anstelle einer erneuten Bewerbung hatte ich diese Begründung meiner Nicht-Kandidatur eingereicht. Leider wurde sie nicht im Reader für den Frühjahrsratschlag 2021 aufgenommen. Ich veröffentliche sie hier, damit auch Mitglieder außerhalb der Rats-Mailingliste sie lesen können.

Nach zwei Ratsperioden möchte ich nicht wieder kandidieren. Meine Motivation hat sich immer mehr aufgebraucht. Das hat vor allem mit den Umgangsformen zu tun, wo ich oft den Eindruck habe, dass unversöhnliche Positionen einander gegenüber stehen. Sollte es nicht darum gehen, zu lernen, einander über politisch unterschiedliche Auffassungen hinweg respektvoll zuzuhören, im Gegenüber nicht gleich den*die Gegner*in zu sehen, und auch die eigene Fehlbarkeit mitzudenken? Ich nehme verfeindete Fraktionen war – ob das mehr persönlich gewachsen oder wirklich politisch begründet ist, das ist mir nicht immer klar.

Hinzu kommt, dass Anspruch und Wirklichkeit nicht zusammenpassen. Angeblich werden Entscheidungen im Konsens getroffen. Aber Konsensfindung ist nicht einfach eine Technik, sondern setzt eine Kultur des Miteinander und die Bereitschaft zur Einigung voraus. Diese Kultur hat mir auf den Ratssitzungen gefehlt. Stattdessen werden mitunter sogar Diskussionen mit Geschäftsordnungsanträgen unterbunden und Entscheidungen erzwungen.

Es heißt: „Der Rat gibt damit dem Koordinierungskreis den Rahmen für seine täglichen Entscheidungen vor. Der Koordinierungskreis – bis zu 20 Mitglieder – ist für das Alltagsgeschäft zuständig. Er trifft die tagespolitischen Entscheidungen und kümmert sich operativ um die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.“ (Aus dem Geschäftsbericht des Attac Trägervereins 2018). Das habe ich anders erlebt. Als einfaches Rats-Mitglied, das nicht dem KoKreis angehört, hatte ich oft das Gefühl, dass meine Meinung egal ist, denn "die" machen sowieso, was sie wollen.

Bei allem Respekt für das Engagement finde ich wichtig, solche Kritik zu äußern. Darauf kam dann mitunter der Vorwurf aus dem KoKreis, der Rat würde nichts beitragen. Das stimmt insofern, als die Ratsmitglieder oft individuell und nicht als Organ agieren. Das hat m.E. strukturelle Gründe. Es fehlt ein von allen anerkanntes und legitimiertes kommunikatives Zentrum, eine moderierende, koordinierende Instanz, die die Rats-Prozesse im Blick hat, und auch zwischen den Sitzungen Impulse bündelt und zu einem Ergebnis führt, und diese Ergebnisse dann gegenüber dem KoKreis (der ja selbst Teil des Rates ist) vertritt. Das ist nicht die Aufgabe der Rats-VG, denke ich, die die Sitzungen vorbereitet, sondern müsste ein extra Gremium sein. In einem ungeregelten Freiraum verhallen sowohl Kritik als auch gute Vorschläge oft wirkungslos.

Wenn es eine solche koordinierende Instanz gäbe, dann wäre vielleicht mancher Konflikt nicht so unerbittlich geworden und uns manche Streitereien erspart geblieben. Es ist aus meiner Sicht ein falsches Verständnis von Selbstorganisation, zu erwarten, dass sich so eine große Runde schon irgendwie finden wird, einfach indem alle ihre Meinung in eine strukturlose Mailingliste schicken, wo es kein verlässliches Gegenüber gibt. Das kann nicht funktionieren.

Diskussions- und Entscheidungsprozesse müssen gestaltet werden und es müssen Leute legitimiert sein, dies in die Hand zu nehmen. Sonst setzen sich letztlich die Schnellsten und Lautesten durch, und viele ziehen sich entnervt zurück, weil es sich nach Zeit- und Energieverschwendung anfühlt.

Als mir das klar wurde, war es für mich zu spät, mich stärker in diesen Strukturfragen zu engagieren, denn ich fand Attac bereits zu kräftezehrend und demotivierend. Zuletzt war es die eigenmächtige KoKreis-Entscheidung zur Unterstützung von Zero-Covid, obwohl das im Rat sehr kontrovers diskutiert worden war. Das war für mich der Schlusspunkt und ich habe mich zurückgezogen. Aus der von mir mitgegründeten AG Attac gegen Rechts war ich schon vorher wegen unüberbrückbarer Differenzen ausgeschieden.

Ich wünsche Euch alles Gute und freue mich, dass es nun Überlegungen für einen extern begleiteten Moderations-/Teamentwicklungsprozess gibt.